Dein Geschenk

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ist immer bis Ende des aktuellen Monats zu lesen.

 

01. Mai 2020 "Liebesbrief..."

Wonnemonat Mai.

Es ist der erste Morgen im Monat Mai.
Sechs Uhr. Sophie liegt wach im Bett und starrt an die Decke. Das vierte Mal 1. Mai ohne Heinrich. Die Rentnerin schliesst ihre Augen und versucht, den langsam in ihr hochsteigenden Schmerz nicht zu spüren. Vergeblich. Er ist da und sitzt wie ein ungebetener Gast auf ihrer Brust. Sophie atmet schwer. Sie öffnet erneut die Augen. Draussen ist es bereits hell. Sophie schlägt die Bettdecke zurück und setzt sich an den Bettrand. Tränen steigen hoch. Um sich abzulenken studiert sie das feine Blumenmuster ihres Nachthemdes. Dieses ist durch das viele Waschen etwas ausgebleicht und wirkt noch zarter. Sophie trocknet die Wangen und steht auf. Automatisch gleitet ihr Blick zur Kommode mit der Photographie von Heinrich.

Diese Momentaufnahme zeigt ihn lachend und über das ganze Gesicht strahlend auf dem Gipfel des viertausend fünfhundert Meter hohen Weisshorns. Bergsteigen war seine grosse Leidenschaft gewesen. Sophie freute sich für ihn und mit ihm, konnte sich aber nie wirklich für die Berge begeistern. Die Weite der Ebene sagte ihr mehr zu.
So kam es, dass er immer wieder mal ohne sie mit einigen Kollegen für ein Wochenende irgendwohin in die Berge gefahren war. Oftmals erzählte er nach der Rückkehr von seinen Erlebnissen, der atemberaubenden Schönheit und Unberechenbarkeit der Bergwelt, den inneren Erkenntnissen und lustigen Abenden, … ja, Heinrich hatte diese besonderen Auszeiten geliebt. Und völlig unerwartet endete an einem solch herrlichen Wochenende früh morgens sein Leben. Herzstillstand.

Mai.
Noch immer ist dieser Monat für Sophie eine grosse Herausforderung. Sie geht ins Bad, wäscht und kämmt sich, zieht Bluse und Hose an, blickt zum Schluss erneut in den Spiegel. Ihr aschblondes Haar trägt sie seit Heinrich’s Tod kurz. Beim genaueren Betrachten des Gesichts wirken die vielen Lachfältchen wie eine zarte Landkarte. Sophie schmunzelt überrascht. Landkarte, das passt.

In der Küche stellt sie das Radio an. «Only you» - nur Du – wird gerade gespielt. Erst summt sie die Melodie mit verstummt aber, als der Schmerz wieder da ist. Nach dem Frühstück schaut sie endlich die Post der letzten Tage richtig durch. Werbungen, die ungelesenen Tageszeitungen, ein Erinnerungsschreiben der Gaswerke und die Einladung zum nächsten Klassentreffen. Es sind schon wieder fünf Jahre vergangen. Beim letzten Treffen lebte Heinrich noch.

Sonntag.
Heute ist eine Flucht in die Arbeit nicht möglich. Unschlüssig steht Sophie im Wohnzimmer und schaut sich um. Ihr Blick bleibt beim golden eingerahmten Hochzeitsfoto hängen. Am Tag der Arbeit vor neunundfünfzig Jahren hatte Heinrich Sophie gefragt und ihre Antwort war ein strahlendes Ja gewesen.
Und seitdem hatten sie sich an jedem 1. Mai einen Liebesbrief geschrieben. Kleine Kostbarkeiten, in denen sie sich gegenseitig erzählten, was ihnen am Herzen lag. Sophie geht zum Sekretär.
Das antike Möbel hatte sie damals von ihrer Grossmutter geerbt und bewahrt seitdem ihre wichtigen Dokumente darin auf. So auch die 1. Mai-Briefe. In der mittleren Schublade liegen diese, Bündelweise, mit einem goldenen Seidenband eng zusammengehalten. Sophie setzt sich, öffnet langsam die grosse Klappe, zieht das schmale Schubfach auf und nimmt vorsichtig das Päckchen mit den Briefen hervor. Sie zögert einen Herzschlag lang und löst dann das Band. «Sophie» steht in kraftvoller Schrift auf den einzelnen Umschlägen. Auf einem hat es ein getrocknetes, sorgsam mit Klebefolie abgedecktes, vierblättriges Kleeblatt. Seit Heinrich’s Tod hatte Sophie die Briefe nicht mehr hervorgeholt. Tränen rinnen über ihr Gesicht. Nach einer Weile öffnet sie mit leicht zitternden Händen den ersten. «Liebste Sophie…»

Die Zeit vergeht. Sophie liest jeden Brief, den sie in den vielen Jahren von Heinrich erhalten hatte. Zwischendurch macht sie eine Pause, kocht sich eine Tasse Tee oder sitzt ein paar Minuten auf den Balkon und schaut den spielenden Kindern im nah gelegenen Park zu. Sie hatten nie Kinder bekommen. Die Zeit des gemeinsamen Wartens, Hoffens und Loslassens hatte sie noch näher zueinander gebracht.
Nachdem Sophie den letzten Brief gelesen hat, bleibt sie lange still sitzen. Das Ticken der Kuckucksuhr in der Küche ist zu hören. Dieses Souvenir hatten sie von einem gemeinsamen Wochenende aus dem Schwarzwald mitgebracht. Dort ist der höchste Berg nicht einmal eintausend fünfhundert Meter hoch – ideal für Sophie. Es waren herrliche Tage gewesen.

Liebesbrief.
Gedankenversunken zeichnet Sophie den Umriss eines Briefes mit dem Finger nach. Es wird nie mehr einen Brief von Heinrich geben. Von Heinrich nicht, aber… Sophie horcht in sich hinein. Der Gedanke, der sich vorsichtig wie ein scheues Reh nähert, überrascht sie und lässt ihr Herz schneller schlagen. Erst schüttelt sie den Kopf. Nein. Sie schaut aus dem Fenster. Eine Taube sitzt auf der Stange des Geländers und fliegt einen Moment später wieder weg. «Warum eigentlich nicht?» fragt Sophie laut.
Wie um etwas Zeit zu gewinnen, bringt sie die leere Teetasse in die Küche. Der Kuckuck ruft gerade dreimal. Sophie schaut ihm zu, lächelt, dreht sich um und kehrt zum Sekretär zurück. Langsam öffnet sie eine andere Schublade, nimmt ein leeres Blatt Papier hervor und greift nach ihrem Füllfederhalter, den Heinrich ihr zum fünften Hochzeitstag geschenkt hatte. Sie atmet tief ein und schreibt, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, schwungvoll zum ersten Mal: «Liebste Sophie…».

Ich wünsche dir alles Liebe!

Herzlich, Andrea.

© andreaherzpoesie.ch – Mai 2020, Kopie und Weiterverarbeitung nur mit ausdrücklicher Genehmigung von Andrea Birchler

Kartenausschnitt "Worte aus dem Herzen"